Fachwerkhaus

Das Fachwerkhaus - Unser Chorheim

Autoren: Manfred Mauri, Klaus Wolf.

Aquarell von Hugo Broztki (1950)

Gut 180 Jahre ist sie alt, die Dorfscheune, die heute im Stadtpark von Lehrte als Fachwerkhaus wohl allen Bürgern bekannt sein dürfte. Auch wenn ihre Mauern und Balken nicht unter Denkmalschutz stehen, können sie doch eine lange und bewegte Geschichte erzählen. 1836 wurde das Gebäude von Friedrich Rust und Sophia Nöhren im Lehrter Dorf auf dem Gelände »Reichshof« an der Hagenstraße 5 erbaut und zunächst als Scheune genutzt. Später diente sie dem Schäfer Berger als Schafstall. Und so blieb es fast 100 Jahre lang bis die Scheune bzw. der Schafstall 1946 an Ernst Bödecker veräußert wurde, der das Gebäude abreißen und in seiner damaligen Baumschule in der Nähe des Markscheiderwegs aufstellen ließ. Schon bald verkaufte Bödecker das gut erhaltene Fachwerk an die Stadt Lehrte, die es zu Ausbildungszwecken der Maurer- Innung übergab. Deren Lehrlinge errichteten 1950 im Stadtpark das 1950 errichteten Lehrlinge der Maurer-Innung aus dem Baumaterial der ehemaligen Dorfscheune das Haupthaus im Stadtpark Fachwerkhaus im Stil eines niedersächsischen Bauernhauses – ein trefflich gelungenes Meisterstück.

Seit dieser Umsiedlung in den Stadtpark wurde das Haus recht unterschiedlich genutzt. Die anfängliche Idee, dort ein Heimatmuseum einzurichten, wurde nicht realisiert. Das Gebäude stand zeitweilig leer, bis die unteren Räume als Jugendtreffpunkt des Stadtjugendrings genutzt wurden und im Obergeschoss 1958 der damalige Stadtangestellte Paul Müller einzog, um dort zu wohnen und darauf zu achten, dass das ansonsten unbewohnte Haus nicht zu Schaden kam. Vorübergehend fand auch die städtische Bücherei im Fachwerkhaus eine Bleibe und das Gesundheitsamt nutzte die Räume für seine Mütterberatungen. Noch etwas später belegten die Realschule und das Gymnasium die leer stehenden Räume für schulische Zwecke. Die Stadt bemühte sich zwar immer wieder um eine Vergabe zur zweckmäßigen und dauerhaften Nutzung des Hauses, fand aber in jener Zeit einfach keine sinnvolle Verwendung. 1984 gab es dann unter den Lehrter Sportvereinen ein Gerangel über die Nutzung des Fachwerkhauses. Die Presse berichtete darüber und eine Lehrter Bürgerin schrieb in einem Leserbrief, man möge doch noch einmal darüber nachdenken, ob das Haus nicht als Kulturstätte dienen könne. Ein Vorschlag, den schon der damalige Stadtdirektor Dr. Axel Saipa bei seinem Amtsantritt 1980 geäußert hatte. Dieser Leserbrief löste unter den Sängern des LMC eine Kettenreaktion aus.

Gerüst und Fachwerk für Zwischentrakt

Nach etlichen internen Gesprächen wollte man sich in den Bewerberkreis für das Fachwerkhaus einreihen. Die Idee vom eigenen Chorheim beflügelte die Sänger und setzte ungeahnte Kräfte frei. Der damalige Vorsitzende Manfred Grobe konnte schon bald die Stadt Lehrte in Person von Bürgermeister Helmut Schmezko und Stadtdirektor Dr. Axel Saipa mit einem durchdachten und realisierbaren Umbau- und Nutzungskonzept überzeugen. Im Vertrag wurde festgelegt, das die Kosten für das Projekt vom Lehrter Männerchor und  der Stadt Lehrte je zur Hälfte getragen werden. Sämtliche handwerklichen Arbeiten der einzelnen Baugewerke, Planung und Bauleitung bis zum letzten Plasterstein des Außengeländes übernahmen die Mitglieder LMC sozusagen ehrenamtlich ohne Kostenerstattung.  Mit dieser Aufgabenteilung begann eine rasante Entwicklung, die in den Jahren 1984/1985 aus dem Aschenputteldasein des Fachwerkhauses im Rekordtempo ein Schmuckstück und eine kulturelle Perle in den Stadtpark zauberte.

Richtfest 1985

Ein Einblick in die Bauakte gibt Auskunft über den Planungsverlauf, der sich in Vor-, Alternativ-, Zwischen- und Änderungsentwürfen widerspiegelt. Im Wesentlichen sind bis zum Bauantrag drei Phasen dokumentiert. Wurde zunächst nur vom Umbau des Haupthauses ausgegangen, erkannte man in der Folge die Notwendigkeit einer zumindest einfachen, überdachten Verbindung zum Toilettenhaus. Schließlich entschied man  sich zusammen mit dem Umbau des Haupthauses für einen Zwischentrakt- Neubau als verbindendes Element zum ebenfalls zu sanierenden Toilettenhäuschen. Hinzu kam die Umgestaltung der Außenanlagen mit neuer Bepflanzung, gepflasterter Hoffläche und einer Freilichtterrasse Nie zuvor hatten im Verein die Berufe der einzelnen Sänger eine so wichtige Rolle gespielt. Es musste sich zeigen, ob die Baugewerke und die anderen handwerklichen Fachrichtungen in ausreichendem Maß unter den Sängern und Mitgliedern vertreten waren. Statiker, Bauzeichner, Zimmerer, Dachdecker, Heizungs- und Elektrofachleute, Klempner, Fliesenleger, Maler, Pflasterer, Gartengestalter – für alles waren »Spezialisten« gefragt und für fast alles fanden sich im LMC auch die betreffenden Sänger und/oder fördernden Mitglieder. Fremdvergaben konnten auf ein absolutes Minimum begrenzt bleiben.

Inschrift über dem Eingang

Alle geleisteten Arbeitsstunden kamen auf freiwilliger Basis zustande und wurden fast durchweg an den Wochenenden erbracht. Schließlich waren die meisten Sänger unter der Woche zunächst einmal in ihren Hauptberufen tätig. Niemand wurde zu irgendwelchen Pflichtstunden gedrängt. Jeder half nach seinen Möglichkeiten und Fertigkeiten. Auch Sänger ohne fachliche Qualifikation in den handwerklichen Gewerken wurden gebraucht und taten als »Hiwis« ihren Dienst. Sie stiegen zu »Oberhiwis« auf, sobald sich ihr Talent für jeden sichtbar offenbart hatte. Alle halfen uneigennützig, um die große Aufgabe zu einem guten Ende zu bringen. Insgesamt konnten im Laufe der Monate über 70 Tatkräftige bei den verschiedensten Arbeiten gezählt werden.

Der fertige Zwischentrakt

Ohne den Wert dieses großartigen personellen Einsatzes und Engagements schmälern zu wollen, sollen hier doch drei Sangesbrüder genannt werden, die mit über 300, 400 und sogar 600 Arbeitsstunden in den Anwesenheitslisten verzeichnet sind. Gerd Voullième, Erwin Friese und Ernst-Wilhelm Borchers haben diese Leistung in den zehn Monaten Bauzeit in ihrer Freizeit an den Wochenenden vollbracht. Die Bauleitung, das heißt die Planung und auch die Ausführung aller Arbeiten, lag in den Händen von Sangesbruder Erwin Friese. Voller Hochachtung wurde über ihn gesprochen und er war und ist bis heute als »Vater des Fachwerkhauses« allen in bester Erinnerung. Trotz der hohen Eigenleistungen und der finanziellen Beteiligung der Stadt in Höhe von etwa 180 000 DM verblieben dem LMC noch eigene Kosten und Aufwendungen. Diese Fremdmittel konnten aber durch Sonderrabatte und Spenden von Firmen, aber auch großen und kleinen Geldzuwendungen der Vereinsmitglieder, in einem erträglichen Rahmen gehalten werden. Präzise nach Plan konnte am 31. August 1985 die Einweihung des »neuen« Fachwerkhauses begangen werden. Voller Stolz konnten die Sänger und fördernden Mitglieder des LMC für sich in Anspruch nehmen, durch ihre freiwilligen Arbeitsstunden, dem Fachwerkhaus mit diesem Gemeinschaftswerk eine Wertschöpfung von über einer halben Million D-Mark zugeführt zu haben. Sie hatten dem Chor und Verein durch ihren Zusammenhalt und ihre Tatkraft ein sichtbares Zeugnis und »Denkmal« erstellt. So wie die Inschrift über dem Türeingang des Hauptgebäudes die Namen der ursprünglichen Erbauer zeigt, hat sich der Lehrter Männerchor erlaubt, über dem Eingangsportal des Zwischentraktes seine eigene »Laudatio« zu signieren.

Gesamtansicht

Die gesamte Anlage im Stadtpark hat seit dieser Zeit weitere bauliche Ergänzungen erfahren. 1988 wurde der Freiplatz in der Außenanlage durch entsprechende Pflasterungen erheblich erweitert und mit den für die Nutzung erforderlichen Ver- und Entsorgungsinstallationen ausgestattet. Außerdem wurde durch die Initiative unseres Sangesbruders Erwin Friese ein historischer Torbogen mit Überdachung und fachmännisch restaurierter Inschrift aufgestellt. So konnte der ohnehin schon hervorragende Eindruck der Fachwerkhaus-Anlage noch einmal reizvoll ergänzt werden. 1990 erfolgte dann der Ausbau des Dachbodens über dem Zwischentrakt, vornehmlich, um Räumlichkeiten für die im Fachwerkhaus gastierenden Künstler zu schaffen, zum Beispiel als Umkleidemöglichkeiten bzw. Auftrittsvorbereitungen. Dazu musste der Zwischentrakt durch einen rückwärtigen Anbau für den notwendigen Treppenaufgang erweitert werden, mit dem Nebeneffekt, dass nun auch Abstellflächen für das Fachwerkhausmobiliar (Tische und Stühle) zur Verfügung standen. Unbestritten hat sich der Lehrter Männerchor mit seinem Chorheim ein ideales Domizil geschaffen, wenngleich sich die Stadt Lehrte verständlicherweise als Eigentümerin des Fachwerkhauses nicht von ihrem Besitz getrennt hat. Sie hat das Haus vielmehr unserem Verein zur langfristigen Nutzung überlassen. Der Vertrag hierzu hat zunächst eine Laufzeit von 50 Jahren mit der Option für eine Vertragsverlängerung. In einer Benutzungsordnung ist festgelegt, welche Rechte und Aufgaben dem LMC zufallen. So wird das Chorheim nicht nur zu den Übungsstunden von uns in Anspruch genommen, sondern trägt mit vielerlei Veranstaltungen auch zur Pflege der Geselligkeit bei und fördert damit die für unseren Verein so notwendigen zwischenmenschlichen Beziehungen.